Urkundlich 1231 erstmals erwähnt, ist Blochingen jedoch erheblich früheren Ursprungs. Grabfunde im Ort, wie das Griffzungenschwert und Urnengräberbeigaben belegen eine Besiedlung schon zum Ende der Bronzezeit 1200 - 800 v.Chr. durch die Kelten. Bis in das Jahr 1282 unterstand Blochingen der Nellenburger Linie des Hauses Veringen. Graf Mangold von Nellenburg verkaufte diesen Anteil mit dem Gebiet um Hohentengen (Grafschaft Diengowe und Ergowe) und die Dörfer Tengen, Blochingen und die Burg Friedberg im Jahre 1282 für 1490 Mark Silber an den König Rudolf von Habsburg. Später war der Ort Bestandteil der Herrschaft Scheer und mit dieser seit 1452/54 bei den Truchsessen von Waldburg. Mit Friedberg - Scheer wurde Blochingen 1786 an die Fürsten von Thurn und Taxis verkauft und kam erst 1806 als folge der napoleonischen Kriege durch den Pressburger Frieden unter württembergische Staatshoheit.
1806-1849 (mit Unterbrechung) fürstl. Patrimonial -Ober- vogteiamt bzw. AMT Scheer. Seit dem 1.1.1975 gehört Blochingen dem Gemeide- verwaltungsverband Mengen an, nachdem es 1938 Gemeinde geworden war. 1275 als Pfarrei erwähnt, ab 1497 mit Kaplanei , war Blochingen später Filiale von Mengen-Ennetach, danach wieder selbständige Pfarrei mit Pelagius-Kirche, deren heutiger Bau aus dem Jahre 1820 stammt. |
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Die Blochinger Sintflut
Die Sintflut war für Blochingen wohl die schrecklichste Naturkatastrophe deren Begebenheit uns schriftlich überliefert ist. Vermutlich war es die schlimmste in unserer Region überhaupt. Sie ist von Generation zu Generation überliefert worden und noch heute in uns Blochingern tief verwurzelt. Die beschriebenen Gebäude und Familien existieren zum größten Teil heute noch. Die Gedenkstätte wird gepflegt und die Erinnerung aufrecht erhalten. Ott, Ortsvorsteher Nach Quellen bearbeitet von Josef Laub, Stadtschultheissin Mengen von 1882 bis 1911.
Die nach Mosaischem Bericht zur Zeit Noahs von Gott zur Vernichtung der sündigen Menschheit verhängte Ueberschwemmung der ganzen Erde ist es nicht, was hier beschrieben wird, sondern nur die auf einen winzigen Fleck oberschwäbischer Erde beschränkte Ueberflutung im freundlichen, am Flusse der Alb liegenden Pfarrdorf Blochingen, unfern Mengen. Es sind bald 100 Jahre her, dass dieser Ort, einer seltsamen Ursache wegen, von diesem folgenschweren Ereignis betroffen wurde. Noch jetzt wird es von den Dorfbewohnern gemeiniglich "Sintflut" bezeichnet. Dieser Benennung dürfte die Berechtigung wohl nicht abzusprechen sein, wird ja das Wort "Sintflut" nicht von Sünde, sondern von dem altdeutschen "Sintfluot" - große Flut - abgeleitet. Das Donautal stand im Blütenschmuck. Im Wetterwinkel bei Scheer, über der stark bewaldeten Alb, hatte es am 21. Mai des Jahres 1816, nachmittags um die Vesperzeit etwas zusammengebraut, was nichts Gutes ahnen liess. Ein wolkenbruchartiger Regen ging nieder.Während das Gewitter schon einige Zeit tobte, sass unter den Gästen der Fuchswirtschaft im nahen Städtischen Mengen auch Willibald Bosch, der junge Dorfmetzger von Blochingen. Dieser kam geschäftlich oft nach Mengen; heute hatte er seinen Gaul dahin auf die Beschälplatte gebracht. Willibald lebte in glücklicher Ehe mit der Tochter der Nonnenbäuerin vom Ort, der Katharina geborenen Blum, die ihm 3 Kinder geschenkt hatte, wovon nur das jüngste, ein halbjähriges Büblein, am Leben war; er betrieb sein kleines Söldnergut und besorgte daneben als der einzige seines Gewerbes, die Hausschlachtungen für die Bauern. Blochingen ist ein geschlossenes, freiliegendes Taldorf auf dem linken Donauufer, ein alter Weinort, von Obstgärten umkränzt. Ein kleiner Dorfbach zieht durch die Niederung in seiner Mitte; zu beiden Seiten steigt es leicht bergan. Von kleiner Anhöhe auf dem östlichen Teil grüsst die Pfarrkirche - früher Pfarrkapelle - zum heiligen Pelagius.
Die Fuchswirtschaft in Mengen, ein altes, festes, fast turmartiges Gebäude, früher ein kleiner Edelsitz, bildete das südöstliche Eck, und zugleich ein Stück Ringmauer der vormals wohl befestigten Donaustadt. In der nördlichen Verlängerung der Ringmauer stand das Riedlinger Tor. Wie oft schon seit Hunderten von Jahren hat dessen Turmglöcklein die 11. Nachtstunde ins weite Tal verkündet, und hat auch hinübergeklungen zum Pfarrdorf Blochingen. Das Gewitter war schon um 3 Uhr losgebrochen. Anfänglich fielen kleine Schlossen, die aber wenig schadeten. Bald aber überschüttete der Himmel die Landschaft gar jämmerlich. Währenddem machten Gäste der Fuchswirtschaft den Willibald aufmerksam, dass in seinem Ort, drüben in Blochingen die Turmglocken läuten und Menschenlärm vernehmbar sei. Sonderbar ! - Der Metzger verließ eiligst die Wirtschaft, schwang sich auf seinen Gaul und sprengte zum Tor hinaus, der Heimat zu. Auf der freien Landstrasse überzeugte sich der Reiter bald, dass das Gewitter ein sehr heftiges war. Es stand wie unbeweglich über den nahen ausgedehnten Waldrevieren der Alb. Der Menschenlärm im Dorfe aber hielt an und drang auf Willibald immer schauriger ein. Auf der alten eichenen Donaubrücke, nur eine Büchsenschussweite vom Ort, nahm er mit Entsetzen wahr, dass er nicht mehr weiter konnte. Breite schmutzige Wasserfluten, auf deren Rücken ein Mengsel von Trümmern, Geräten, Futter, Getreide, die Segnungen einer wohlhabenden Bauerngemeinde, dick und dünn, aus der Niederung vom Dorfe her, der Donau zu, einher tanzten, sperrten den Weg. Woge um Woge verlor sich im Strom. Der friedliche Dorfbach war zum reißenden Wildbach geworden. Willibald erkannte sogleich, dass auch über sein Haus, das in der Niederung am Bache lag, die Wassergefahr hereingebrochen sei. Voll Sorge um Weib und Kind ritt er spornstreichs zurück und schlug den Weg über die Felder auf dem rechten Donauufer aufwärts bis Scheer ein, um über die dortige Brücke zu setzen und auf der jenseitigen erhöhten Strasse dem Heimatort zuzueilen. Hinter Blochingen, in einem erhöhten Kessel des Albgebietes, umschlossen von dichten Waldungen liegt das stille Pfarrdorf Heudorf, auch Mengisch-Heudorf genannt, da der Spital Mengen Lehens- und Gefällherr war. In einer lauschigen, eine Strecke weit von Blätterwald umzäunten Talrinne, dem Heudorfer Tälchen, gelangt man in einer starke halben Stunde zu Fuß dahin. Nahe beim Dorf unterwegs fällt dem Wanderer ein mächtiger Erdwall auf, der sich quer über das Tälchen zieht. Dieser bildete vormals das untere Wuhr eines weiten, tiefen und fischreichen Stauweihers. Oberhalb, dem Dorfe zu, stieß durch einen kleinen Damm getrennt ein kleiner Stauweiher an. Ein Bächlein, die sogenannte Mausgeiß, speiste von der Flur und dem Dorfe und ein Seitenbächlein vom Walde her die beiden Weiher. Aus einem Fallenstock am großen Wuhr rieselte das Überwasser als friedlich murmelndes Bächlein im Tälchen abwärts durch Blochingen, den dortigen Dorfbach bildend, der Donau zu. Aus dem weiten Regengebiet waren heute die Wassergüsse des Gewitters den Weihern zugeströmt. Der vom Winter her noch gefeuchtete Waldboden ließ sie auf seinem Rücken flott dahin schießen. Dazu schlug auf den hoch schwellenden Weiherspiegeln der niederprasselnde Regen Generalmarsch. Bald zeigte sich aber die Tücke des Elements. Zunächst riss der obere Weiher rückwärts aus und seine und des Dorfbaches hochfahrenden Wellen bedrängten das Dorf. Dann aber überkam den großen Weiher eine böse Wanderlust. Beim Fallenstock brach das Wuhr und aus ihm wälzte sich als wäre ein weites Tor aufgesprungen schauerlich brüllend ein Wildstrom und hielt tosend, zischend und schäumend und alles von Grund aus mit sich reißend seinen Siegeszug in der abschüssigen Talrinne durch den Blätterwald, durch Gebüsche, Gräser und Saaten dem Dorfe Blochingen zu. Während des Gewittertobens war auch eine alte Dorfbewohnerin von Blochingen, die alte Brennerin, zu ihrem Häuslein am oberen Dorfbach geeilt, um ihre Hühnerbrut zu bergen. Da sah sie mit Entsetzen ein schreckliches Ungetüm wie eine wild aufgewühlte Schafherde mit Brüllen und Brausen durch das Heudorfer Tälchen heranwogen. Die Sinne der Alten sind schier betäubt. Sie glaubt, der jüngste Tag sei angebrochen und rennt mit gar wunderlichen Gesten und Lauten in das Dorf hinein, wo die Leute sich fragen: "Was hat die närrische Brennerin da?" Bevor sie aber ihr Häuslein verließ wandte sie sich nochmals zu ihren Schützlingen und kreischte ihnen zu: "Bhügott Hennele, euch seh ich nimmer mehr!" Der Schreckensruf der Brennerin war bald aufgeklärt. Über Weg und Steg, durch Gartenhäger und Obstgärten, Hofraiten, Misthaufen, Holzbeugen brach das Ungetüm, ein mächtiger Wasserschwall, herein ins Dorf und begann grausam zu pochen, zu bohren und zu reißen an Türen und Toren. An Fenstern, Ritzen und Spalten der Bauernhäuser, darin die Familien ahnungslos schalteten. "Um Gotteswillen, was kommt da! Hinaus! Hinaus!" dröhnt es durchs Dorf. Kopflos entrinnen manche, die ihrigen mit sich reißend der Zerstörungsbahn der gefräßigen Flut, allen aber gelang es nicht. Ein wirres Laufen und Rennen hub an. In 100 Sprachen und Lauten durchstürmten die Wellen die Niederung des Ortes, warfen alles vor sich her führten Buschwerk, Rasenballen, Zaunstücke Getier und Unrat mit sich. Lebende Feldhasen schwammen oben her. Rinder brüllten drein. Die Leute erkannten, der Heudorfer Weiher war ausgebrochen. Vor den Augen der Dorfbewohner entrollten sich nun gar seltsame Bilder der Zerstörung und Gefahr. Schöpfe, Hütten, kleine Ställe begannen unter dem Anprall des endlosen Schwalls sich zu drehen, zu krachen und wurden fortgerissen. Die Wasser stürzten und stockten immer mehr. Eine bange Sorge um die großen Häuser stieg auf. Die junge Bäuerin Franziska Bengel, des Dorfmetzgers Schwester, wurde in der Wohnstube von dem ungebetenen Gast überrascht und entfloh mit leeren Händen zur Haustüre hinaus. Ihr Säugling lag im Kissen auf dem Stubentisch. Den Versuch , das Kind zu holen, konnte sie nicht mehr wagen. Ihr Nachbar, des "Bauern Kaspar", holte es zu Pferd, der Tisch mit dem Kind schwamm schon in der Stube herum. Ein junger Bursche, Wiedmann, schiffte sich in einem Backtroge ein; in grolliger Fahrt auf dem gefahrvollen Gewell gaukelte er durch das Dorf hinunter. Zum Glück faßte er am Dorfende das Gezweige eines Baumes und konnte sich retten. Ein Schauder durchzog das Dorf. Schon hatte das Bauernhaus des Schreiners Wiedmann begonnen zu ächzen und zu wanken, da wurde es plötzlich - oh jammervoller Augenblick - wie mit riesen Armen gedreht und samt Weib und Kind, dem neunjährigen Pelage, dem Laufbuben Willibalds fortgerissen. Eben war der Junge in dem Elternhaus. In hadernden Wellen und wirren Trümmern, vom Wasser bis zum Halse umgurgelt, schossen die Dreie an Holzstücke geklammert stöhnend das Dorf hinunter, die Walburg, das Weib, voraus. Mit aufgelösten, in das Gesicht getriebenen Haaren und aufgeblähten Kleidern glich diese, der Spielball einer mächtigen Welle, einer grauenhaften Missgestalt. Mit wehmütiger Teilnahme sahen die Dorfleute die um ihr Leben kämpfenden im Strome sich heben und senken und konnten nicht helfen. "Jetzt kommen sie nicht mehr" hieß es und doch tauchten sie wieder auf. Ein Wunder, dass sie von den Trümmern nicht erschlagen wurden. Für das Weib war es ein Glück, dass sich die Fluten im unteren Dorf verflachten; sie lenkte ihr Holzstück seitwärts und ergriff den Zweig eines Gartenhags; dann fasste sie Boden und torkelte toderschöpft den Hag entlang heraus aus der eisigen Flut. Und ihr Mann, der Schreiner? Auch diesen hatten die Wogen in das Unterdorf gegen das letzte, das Rapp`sche Haus getrieben, wo der Haussohn Raimund eben zum oberen Fensterstock herausschaute. "Bhügott Raimund!" rief der Gefährdete da hinauf, blieb aber im gleichen Augenblick am Gartenzaun des Hauses hängen und hielt sich fest. Das Wasser reichte an der Vorderseite dieses Hauses fast bis zum oberen Stock, an der Hinterseite aber stieß es an das Dach. Auch der Schreiner hatte Glück. Die Hausbewohner warfen ihm ein Seil zu und an diesem zogen sie den Triefenden zum oberen Fensterstock hinein. Den kleinen Pelage aber sah niemand mehr. Ein weiteres Zerstörungsbild. Auch am Bauernhaus des Chirurgen Sebastian Vollmer hatte der häuserbrechende Strom die Grundmauer nicht vergeblich bestürmt. Da die Fluten die unteren Räume füllten, flüchteten die Eheleute mit dem kleinen Kind nach oben. Das Haus stand in höchster Gefahr. Den Dorfleuten blieb das Schicksal der Familie zunächst verborgen und diese wurde mitleidvoll angerufen. Das Tosen des Wassers erstickte aber jeden mündlichen Verkehr. Die Hausbewohner zogen Dachplatten heraus und gaben durch Hervorstrecken der Arme Zeichen, dass sie noch da seien. Zuletzt aber verließen sie das wankende Haus und krochen auf einen hölzernen Anbau daneben, der kaum größer als eine Predigerkanzel doch sicherer schien. Das Kind war der Mutter auf den Rücken gebunden. Gleich darauf senkte sich knapp an der Seite der Flüchtlinge langsam das Haus mit dumpfem Krachen. Ein durchdringender Aufschrei der vielen Zuschauer - und die Trümmer wurden fortgewirbelt. In totenschwerem Bangen kauerte die Familie auf dem Stückchen Holz. In wirrer Begleitschaft der Haustrümmer und des Hausrates war auch die frisch aufgebettete altväterische Kinderwiege der Familie mit der weißen Hauskatze, die das Kind zu sich in die Wiege zu nehmen pflegte, von dannen gezogen. Durch einen Satz hatte sich der Kater aus der drohenden Nässe in die Wiege geflüchtet. Willibald war während dieser Zeit von der Scheerer Strasse her im Dorfe angekommen. Und was sieht er da? Auch sein Haus erzittert und ist dem Einsturz nahe, daraus sein Weib und das Kindermädchen flehentlich die Arme ringen. Willibald ist wie verdreht. Die Bauern hatten vom sicheren Erdboden aus das Metzgerhaus durch Stange und Leine verbunden. An ersterer sollte die Metzgerin herabgleiten und die Leine sollte sie sich um den Leib binden. Das Weib aber hatte bisher gezaudert, sich der Stange anzuvertrauen. Unwirsch, aus schmerzerfüllter Seele überschüttet Willibald sein Weib mit Vorwürfen. Jetzt ist sie bereit. Das Kind wurde ihr von dem Mädchen auf den Rücken gebunden. Diese gleitet ihr auf der Stange voran. Schon war auch die Metzgerin halbwegs, da dreht sich - oh weh, oh weh! - das Haus; die Grundmauern fielen in Stücke und mit wuchtigem Klatsche tauchte des Hausgiebels Schwere vor dem erstarrten Blicke Willibald, vor den umflorten Blicken des aufschreienden Dorfvolkes, Mutter und Kind und die Hüterin des Kindes, in den hochspritzenden Schwall. Rasch hatte die Metzgerin noch den Blick zum stürzenden Ungetümgewandt. Die Unglücklichen wurden im schmutzigen Trümmergewirr fortgerissen; die Fluten sangen ihr Sterbelied. Das Schicksal der gänzlichen Zerstörung widerfuhr noch 5 weiteren Bauernhäuser. Sie wurden alle vom Wasserstrome weggefegt. Am Bergrand im Dorfe waltete der Ortspfarrer Gärtner seines Amtes und erteilte, sobald wieder ein Wohnhaus versank, den gefährdeten Bewohnern die Absolution. Acht weitere Gebäude wurden erheblich eschädigt. Zum Glück war fast alles Hornvieh auf der Waldweide im Eichert, nahe beim Heudorfer Tälchen; aber auch Großvieh wurde, tot und lebendig, in das Dorf hereingeschwemmt. In das Bauernhaus des Gabelmachers Deutsch, des zweituntersten im Dorf (Heute Josef Reck, alt), keuchten von der Weide her in den reißenden Fluten 2 Ochsen des Hausbesitzers und drangen durch den Hausflur in die Küche ein, darin das Wasser mächtig staute. Den Tieren ging es bis zum Hals; sie stiegen mit den Vorderfüssen aus den Herd und schnupperten mit hocherhobenem Kopf in das Kamin hinauf. Im tiefen Wasser, bei den ungeschlachten Kerlen, sucht der herzhafteHausbesitzer mit den Knien eine Riegelwand hinauszustoßen. Das fast Übermenschliche gelang. Das Wasser konnte abfließen und die 2 Tiere wurden mit Seilen auf das Trockene gezogen. In zäher opferwilliger Handarbeit entrissen und bargen die Bauern so manch Hab und Gut. In diesen Gewitterstunden hatten auch Leute vom Pfarrdorf Hundersingen, eine Wegstunde unterhalb Blochingen, verwundert das Gewimmel von Trümmern und Geräten auf der nahen trüben Donau erspäht. Da oben musste ein schweres Unglück vorgefallen sein. Der Anblick einer Gaukelnden Wiege aber hatte der "Holländerin", einem jungen schwarzen Weib vom Dorf einen Jähen Schrecken eingejagt. Plötzlich rief sie aus: "Jesses, da kommt ja unsere Kinderwiege", und ihr bangte, es liege ein Kind darin. Das Weib war die im Dorfe verheiratete Tochter des Chirurgen Vollmer in Blochingen. Sie hatte früher in Holland geweilt und deswegen Holländerin genannt. Es war die ihr wohl bekannte Wieg des Elternhauses, in der sie selbst einst die Tage der Kindheit verträumt, die auf der Donau einhertrieb. Das Möbel wurde geländet. Wo das Unglück gehaust hatte, war jetzt klar. Das Bettchen war menschenleer, aber ein schimmerndes Katerfell sah man daraus einen Luftsprung machen. Nach der seltsamen Wasserfahrt hatte die der Holländerin auch wohl bekannte Hauskatze des Elternhauses wieder sicheren Boden unter ihren Pfoten. Der Menschenlärm in Blochingen hatte aufgehört, das Wasserrauschen aber dauerte fort. Vier Stunden lang, bis abends 7 Uhr hatte der Gewitterregen angehalten. Vom Gebäude am Bach aber kündigte kein Hahnenschrei mehr das Grauen des Tages. In das schöne Dorfbild hatte es eine wüste Lücke gerissen. Das Schicksal der Metzgerin mit den Ihrigen und der Familie Vollmer auf dem Känzelchen bildete Sorge des ganzen Dorfes. Niemand konnte helfen, niemand wußte Rat. Umtost von den trügerischen Wellen, fast nackt und bloß mußte diese Familie eine qualvolle Nacht auf dem Holz verbringen. Sie hatte Haus und Herd mit allem Hausrat eingebüßt. Zu den Bewohnern im Unterdorf aber drang in der Nacht von den Donauwiesen her, vom Wassertosen halb erstickt, ein leises Wimmern. Dort fand man den Leichnam des kleinen Pelage im Schlamm gebettet auf. Der arme Knabe war wohlerfroren. Ruhelos dauerte der Wasserlauf mehrere Tage. Sturzbächlein flüsterten zuletzt. Das Dorfvolk auf beiden Höhen war voneinander abgeschnitten. Ein Täufling des Ortes wurde deswegen in der Kirche nach Heudorf gebracht. Wie Minengräber hatten die Fluten im Dorfe gewühlt. Bodenrisse, so tief und weit, dass ein Häuschen darin Platz gefunden, Ruinen und Trümmer sperrten den Weg. Geröll, Schutt und Schlamm bedeckten das Feld. Der Ackerboden war abgeflösst. Die Brücke beim Gemeindesteinbruch war zerstört. Mit Schaudern ritten und wateten die Bauern im Gelände umher, nach den Verlusten zu fahnden. Auch die alte Brennerin sah ihre Kücklein nimmer mehr. Das Weidevieh aber, die nützlichen Milchspenderinnen, hat man erst nach Beseitigung jeder Gefahr Wieder in das Dorf hereingelassen. Sieben Stück Großvieh kamen in den Fluten um. Das war ein böser Maitag und Merktag! Das Wasser hatte auch in Heudorf an Häusern und Gütern bedeutend geschadet. Das Hirtenhäuschen war fast gänzlich weggeschwemmt; 3 weitere Häuser waren dem Einsturz nahe; auch Schweineställe waren fortgerissen. Das Reischach´sche Schloss auf dem Felsenfuß im Oberdorf aber stürzte bald darauf an einem Sonntag, während in der Kirche die Vesper erklang, zum größten Teil ein und wurde später (1825) gänzlich abgetragen. Willibald war auf der Suche nach dem geliebten Weib tagelang auf den Wiesen herumgeritten. Die Wellen hatten das Strohdach seines Hauses in die Krautgärten getragen. Fast unversehrt ragte es dort wie eine Feldhütte aus dem Wasser hervor. Die Mutter der Metzgerin, die alte Nonnenbäuerin, betete in kummervoller Muttersorge allabendlich bei angebrannter Kerze inbrünstig um ihre Tochter und offenbarte, sie sei nicht im Stande, das Wachslichtlein zu löschen. In ihrem Gottvertrauen hielt sie das für ein Anzeichen, dass man die Tochter doch noch finde. Endlich, nach neun Tagen, stieß man draußen über dem Dorf am Mengener Sträßchen auf die Leichname der Metzgerin und ihres Kindes; Wenige Schritte davon auf die des Kindsmädchens, alle in Schutt und Schlamm vergraben. Das Wasser hatte sie bis dahin gespült. Etwas Befreiendes, Erlösendes lag jetzt über dem ganzen Dorfe. Im frommen Geleit der Dorfbewohner wurden die Leichname von dem Pfarrer abgeholt und im Schatten der alten Pfarrkapelle begraben, das Weib erst 23 Jahre, die Sephe, das Kindsmädchen 15 Jahre alt. Die Kunde von der großen Flut war bald in die große Welt hinausgedrungen. Meilenweit kamen die Leute noch nach vier Wochen ins Dorf, die Trümmerstätte zu sehen. Zur Wiederherstellung der Straßen und Wege und zur Verebnung der Felder hatte das Oberamt aus der ganzen Umgebung Hilfsleute aufgeboten. Redliche Beihilfe leistete dabei besonders Mengen, dessen Frachtfuhrleute wochenlang Ehrenfuhren durch Überlassung von Knechten, Pferden und Wagen stellten. Ein herbes hoffen für die Obdachlosen, eine bittere Not trat ein. Doch manche Liebesgabe floß. Der Fürst von Thurn und Taxis, der vormalige Eigenherr des Dorfes, spendete auf seiner Durchreise durch Mengen 300 Gulden. Das Gemüt der Unglücklichen aber klammerte sich fortan an das Gelände am Bach als ein Stück Leben ihrer Vorfahren. Und wieder wirbelte dort der Kaminrauch, als die Herbstblätter fielen. Das Leben Willibalds war leer und kalt. Er stand allein in zerzauster Seelenstimmung. Bald verehelichte er sich wieder und sein zweites Weib schenkte ihm 21 Kinder. Großvaterfreuden aber blieben ihm versagt, denn kein einziges Kind konnte er großziehen. Zeitlebens ging ihm das Unglück nach. Wie oft klagte er noch im höheren Alter, beim Glase Bier oder beim Schlachten in den Häusern nachdenksam und mit weinerlicher Stimme: "Haus und Herd einbüßen, das ist schwer; aber noch dazu vor eigenen Augen, wie ich`s erlebte, Weib und Kind verlieren, das ist das Ärgste! Oh, wäre ich doch bälder da gewesen!" Alljährlich am Jahrestag wird zur Danksagung für die Rettung der Viehherde und zur Abwendung weiteren Unglückes für immer eine Betstunde in der Pfarrkirche gehalten. Ein einfaches Bildstöcklein am Wege nach Mengen kennzeichnet bis heute die Fundstätte der unglücklichen Opfer. Im Dorfbild hat sich seither manches geändert. An die Stelle der alten Pfarrkapelle ist ein schmuckes Kirchlein getreten. Die Strohdächer der Bauernhäuser sind ausgerottet. Auch die alte Dorflinde steht nicht mehr. Nicht mehr knacken auch die alten Pumpbrunnen im Dorf, da 1911 eine Wasserleitung gebaut wurde. Dabei traten manche Erinnerungsstücke der großen Flut: Holz und Eisen, Schutt und Scherben, klirrende Ketten zutage. Der Waldteil Buchgraben zeigt jetzt noch tiefe Risse und Gräben, die jenes Gewitter gezogen. Unfern vom Dorf durchsaust der Eilzug das Tal. Das vom Bauernkaspar aber aus dem Wasser gezogene Kind gedieh und ward der Mann der jetzt noch lebenden, weitumher an der Donau bekannten Fischhändlerin von Blochingen, der alten Benglerin. Das Heudorfer Tälchen ist immer noch lauschig und still und gibt jetzt sicheren Frieden. Lange blieb das Weiherbett verödet wie das Nest eines Vogels, das am Boden vermodert. Dann wurde es - jetzt Eigentum des Schlosses von Heudorf - fruchtbarer Wiesengrund, durch den die Mausgeiss und ein Weglein schlängelt. Das alte Wuhr, gleich einem Schutz- und Festungswall, ist fast noch ganz erhalten, an dessen Bruchstelle von einem Eichen- und Birkenstrunk geziert. Möge dem Wuhr die Feldspat ferne bleiben!